Workshopreihe Flüchtlinge im ländlichen Raum

Erfahrungen – Beispiele – Austausch

Die meisten Flüchtlinge wollen in die Städte, wenn möglich in Großstädte wie Hamburg, Berlin oder Köln. Doch auch Flächenländer wie Thüringen sind zur Aufnahme verpflichtet. Angesichts des demographischen Wandels ist Zuzug in die Dörfer und Kleinstädte eigentlich dringend erwünscht. Eigentlich – denn die meisten Flüchtlinge haben kaum eine Vorstellung vom ländlichen Raum und den Chancen, die sich ihnen hier bieten. Und auch viele Einheimische verstehen nicht, dass ihnen die Ansiedlung von Migranten langfristig nützt.

Umso wichtiger ist es, erfolgreiche Beispiele, Initiativen und Projekte bekannt zu machen und den Dialog zwischen den Akteuren zu befördern.

Einladung zur Workshopreihe Flüchtlinge im ländlichen RaumPDF 1,1 MB

Ergebnisse der Workshopreihe:

Workshop 1
27. Juni 2016, Kahlenberg, Waldhof Schnorr
Landwirtschaft und Gartenbau mit Flüchtlingen

Der erste Workshop der Reihe fand auf der Terrasse des Gasthofs Zapfengrund in Kahlenberg bei Eisenach statt. Die knapp 35 Teilnehmer diskutierten Möglichkeiten und Herausforderungen einer Beschäftigung von Flüchtlingen in Landwirtschaft und Gartenbau. Schon bei der Vorstellung zu Beginn wurde deutlich, wie vielfältig die Runde zusammengesetzt war. Neben den Praktikern verschiedener Landwirtschaftsbetriebe waren Verbandsvertreter aus Landwirtschaft und Gartenbau gekommen, Verantwortliche aus den Ministerien, der Sozialverwaltung sowie der Kommunalpolitik.

Gastgeber Dr. Kurt Schnorr berichtete bei einer Führung durch den Biobetrieb von seinen wechselhaften Erfahrungen in der Landwirtschaft mit sozial auffälligen Jugendlichen. Einerseits biete die Landwirtschaft großes Potential, sicher auch bei der Arbeit mit Migranten, insbesondere auch bei der Betreuung unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge. Andererseits benötige man eine intensive sozialpädagogische Begleitung sowie das Bewusstsein darüber, dass auch herbe Rückschläge und Enttäuschungen eintreten könnten.

Über ihre konkreten Erfahrungen bei der Arbeit mit Jugendlichen aus Afghanistan und Syrien berichtete Elsbeth Pohl-Roux aus Klosterbuch bei Leisnig in Sachsen. Die Betreuung der Jugendlichen in einer Pflegefamilie sei nicht nur weitaus kostengünstiger als die Heimunterbringung (in ihrem Fall spare der Landkreis pro Monat ca. 12.000 Euro), sondern auch überaus vielversprechend hinsichtlich tatsächlicher Integration. Ihre Pflege„kinder“ besuchten den berufsvorbereitenden Deutschunterricht und hätten sich vorgenommen, zusätzlich pro Tag zehn neue Wörter zu lernen. Eine Mischung aus klaren Regeln und liebevoller Zuwendung sei ihr Erfolgsrezept, es gebe wenig Therapie und reichlich Arbeit.

Mehr Probleme erwartete Martin Hirschmann vom Thüringer Bauernverband. Es habe schon etliche Projekte in der Landwirtschaft gegeben, die seitens der Migranten nicht angenommen worden seien. Zudem könne in der modernen Landwirtschaft nicht ohne gute Deutschkenntnisse gearbeitet werden; auch ein Praktikant müsse beispielsweise zunächst eine Arbeitsschutzeinweisung erhalten und verstehen. Auch die mangelnde Mobilität der Flüchtlinge bzw. der fehlende ÖPNV in den ländlichen Regionen setze manchem Angebot enge Grenzen.
Einig war sich die Runde, dass es noch vielfältiger, phantasievoller und unbürokratischer Ansätze bedürfe, wenn der Zustrom sowie die Integration der Flüchtlinge als Chance für den ländlichen Raum genutzt werden solle. Beim Thema Arbeit brauche es für die Flüchtlinge Möglichkeiten abseits der klassischen Wege, so Annett Roswora, Referentin der Thüringer Migrationsbeauftragten. Betriebe müssten beispielsweise überlegen, ob sie Transport oder Unterkunft der Praktikanten selbst organisieren könnten und, so warf Elbeth Pohl-Roux ein, man könne von der Berufsgenossenschaft durchaus fordern, dass Arbeitsschutzbelehrungen in den Herkunftssprachen der Flüchtlinge angeboten würden.

Einen Weg abseits des klassischen deutschen Ausbildungs- und Arbeitssystems stelle die Soziale Landwirtschaft dar, so Claudia Schneider vom Thüringer Ökoherz e.V. Ihr Verband entwickle daher das Konzept der Sozialen Landwirtschaft derzeit weiter, damit dieses einen geeigneten Rahmen für Geflüchtete, die für sich eine Perspektive in der Landwirtschaft sähen, bieten kann.
Viele Probleme und Möglichkeiten wurden an dem Abend angerissen, so Moderator Johannes Beleites vom LandNetz Thüringen e.V. Doch es bedürfe noch weiterer Überlegungen insbesondere für jene Migranten, die weder als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bei Pflegeeltern untergebracht werden könnten, noch schon eine reguläre Arbeit im ländlichen Raum aufnehmen könnten.

Workshop 2
1. Juli 2016, Neues Schloss Bad Lobenstein, Barocksaal
Dezentrale Flüchtlingsunterkunft und Regionale Integrationsstrategie im Saale-Orla-Kreis

Eine etwas kleinere Runde diskutierte im schönen Barocksaal des Neuen Schlosses Bad Lobenstein eine spezielle Form, Flüchtlinge im ländlichen Raum zu verankern. Während im vergangenen Jahr die meisten Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften in Städten untergebracht wurden, ging der Saale-Orla-Kreis einen anderen Weg. Der Landkreis mietete in Städten und Dörfern insgesamt etwa 250 Wohnungen an und brachte die Flüchtlinge dort solange unter, bis sie einen anerkannten Aufenthaltsstatus besaßen.

Man habe durchaus Erfahrungen mit Gemeinschaftsunterkünften, sagte Landrat Thomas Fügmann. Früher seien dafür vorzugsweise die ehemaligen Kasernen der DDR-Grenztruppen genutzt worden. Allerdings habe es auch immer wieder Vorbehalte dagegen gegeben. Mit dem erheblichen Anstieg der Flüchtlingszahlen im vergangenen Jahr habe man sich daher gegen weitere Massenunterkünfte entschieden. Zwar sei das für den Landkreis etwas kostenintensiver, jedoch habe es bisher im Saale-Orla-Kreis keine Übergriffe auf Flüchtlinge oder Flüchtlingsunterkünfte gegeben.

Derzeit seien insgesamt etwa 1.000 Asylbewerber im Landkreis, erläuterte Madlen Pieter-Junge von der angesichts der hohen Flüchtlingszahlen des vergangenen Jahres eingerichteten Stabsstelle Asyl beim Landratsamt Saale-Orla. Hinzu kämen 126 bereits anerkannte Flüchtlinge, für die jetzt das Jobcenter zuständig ist. Außerdem seien knapp 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bei unterschiedlichen Trägern im Landkreis untergebracht. Von den 1.000 Asylbewerbern lebten etwa 90 Prozent in Wohnungen.

Im Auftrag des Saale-Orla-Vereins entwickelte die LEADER-Aktionsgruppe Saale-Orla eine Regionale Integrationsstrategie, die LEADER-Manager Alexander Pilling vorstellte. Die Hauptfelder der Integration stellten demnach Sprache, Arbeit, Bildung und gesellschaftliche Integration dar. Innerhalb dieser Themenfelder gibt es vielfältige Projekte von Landkreis, Jobcenter, Schulen, Kulturinstitutionen und zahlreichen Ehrenamtlichen.
Aus der Perspektive der Ehrenamtlichen goss Steve Richter, der die Begegnungsstätte Pößneck leitet, ein wenig Wasser in den Wein. Er stimme der großen Linie durchaus zu, jedoch gebe es viele Einzelfälle, wo eine Integration erschwert werde. So könnten noch immer einige Kinder nicht die Schule besuchen, weil die entsprechende Zuweisung fehle. Auch könne er nicht verstehen, dass es für Flüchtlinge zwar ein Mobilitätsticket des ÖPNV gäbe, dieses aber nicht innerhalb der Städte gelte.

Angesichts der rückläufigen Flüchtlingszahlen sei der Landkreis inzwischen auch daran interessiert, so Landrat Thomas Fügmann, dass Flüchtlinge nach ihrer Anerkennung möglichst in den Mietvertrag für die Wohnung einsteigen und der Landkreis dadurch keinen Leerstand finanzieren muss. Ohnehin stelle sich inzwischen die Frage, wie man Flüchtlinge dazu bewege, im Landkreis zu bleiben oder sich dort niederzulassen. Für den Landkreis sei angesichts der demographischen Lage der Rückgang der Flüchtlingszahlen eine Herausforderung.
Burkhardt Kolbmüller, Vorsitzender von LandNetz Thüringen e.V., brachte hier eine Idee der Internationalen Bauausstellung Thüringen ein: Möglicherweise könne man einige Wohnungen bereithalten und als Schnupperwohnungen für den Landkreis nutzen. Mit zielgerichteter Werbung könne man auf diese Weise möglicherweise Flüchtlinge, die ihre Zukunft eher im ländlichen Raum sehen, aus den Großstädten locken.
Zusammenfassend zeigte sich, dass die dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen eine vielversprechende Alternative und eine Chance für den ländlichen Raum darstellt. Allerdings ist auch dieses Konzept ohne vielfältiges ehrenamtliches Engagement faktisch nicht umsetzbar. Dieses findet sich jedoch häufig in direkter Nachbarschaft.

Workshop 3
5. Juli 2016, Schloss Weitersroda, Hildburghausen
Kultur als Weg zur Integration von Migranten im ländlichen Raum

Schlossherr Florian Kirner alias Prinz Chaos II. begrüßte die Gäste unter der großen Linde auf seinem Schlosshof in Weitersroda. Hier war ausreichend Platz für die etwa 40 Personen, die der Einladung von LandNetz und Akademie Ländlicher Raum Thüringen gefolgt waren.

Die Flüchtlinge seien gekommen, so Florian Kirner, um hier ihr persönliches Glück zu finden, nicht aber um unsere Probleme zu lösen. Hier blieben nur jene, die eine Arbeitsstelle oder zumindest einen Praktikumsplatz haben. Integration werde auch durch Kleingewerbe, Handwerk und Kulturinstitutionen ermöglicht. Es sei unsere Aufgabe, dafür die Möglichkeiten zu schaffen und damit auch die Region positiv zu verändern. Südthüringen sei – anders als man es im Internet mitunter wahrnehmen könne – eben nicht nur von rechter Gesinnung beherrscht. Die Wirkung solcher Veränderungen lasse sich am besten an zwei Alternativen aufzeigen: Einerseits Suhl mit einem Altersdurchschnitt von 52 Jahren, wo das Gefühl aufkomme, man wolle lediglich noch in Ruhe sterben. Andererseits nicht weit entfernt Coburg, das den Eindruck einer lebendigen, multikulturellen und aufstrebenden Stadt vermittle.

Als man 2013 das Kulturentwicklungskonzept für den ländlichen Raum erstellt habe, sei Interkulturalität noch kein Thema für Thüringen gewesen, sagte die Abteilungsleiterin Kunst und Kultur der Thüringer Staatskanzlei, Elke Harjes-Ecker. Damals sei es vor allem um kulturelle Teilhabe im ländlichen Raum gegangen. Die Theater seien jetzt mit vielen Projekten auch im Zusammenhang mit den Flüchtlingen unterwegs, allerdings vor allem in den städtischen Zentren. Elke Harjes-Ecker erinnerte daran, dass nach dem Zweiten Weltkrieg 23 Prozent der Bevölkerung Thüringens Vertriebene waren. Heute sei der Anteil weitaus geringer und, so mahnte sie eindringlich, Integration sei eine Chance für Thüringen. Auch für den ländlichen Raum gäbe es eine Reihe von Fördermöglichkeiten für die Arbeit mit Flüchtlingen im kulturellen Bereich, man wolle hier einen Leitfaden erarbeiten.

Sehr interessiert an der Einbeziehung von Flüchtlingen in die kulturelle Arbeit zeigte sich auch die Kulturmanagerin für die Modellregion Hildburghausen-Sonneberg im Kulturentwicklungskonzept, Dr. Julia Ackerschott. Gerade auch Vereine im ländlichen Raum könnten die Integration vorbereiten. Man müsse sie gelegentlich an einen Tisch bringen, allerdings brauche es auch ausreichend Zeit zum Wachsen. Gemeinsam mit Prinz Chaos II. werbe sie daher auch für die „Konferenz der Visionäre“, die für ihre Modellregion am 29. August 2016 im Schloss Weitersroda stattfinden solle. Knut Rommel vom Amt für Landentwicklung und Flurneuordnung (ALF) in Meiningen erinnerte daran, dass Veränderungsprozesse im ländlichen Raum insgesamt, nicht nur auf Flüchtlinge bezogen, positiv gestaltet werden müssten.

Konkrete Projekte wurden auch von Alfred Bax vom Heimatbund Thüringen, Detlef Fengler von der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur sowie dem LEADER-Manager der Regionalen Aktionsgruppe (RAG) Hildburghausen-Sonneberg, Philipp Rothe, vorgestellt. Florian Kirner sagte abschließend, dass es darum gehen müsse, möglichst vielen Flüchtlingen hier eine Heimat zu geben. Dafür brauche es oft auch informelle Wege, die oft auch nur zu indirekten Erfolgen führten.